Bassam Tibi ist der Kritiker und Anwalt der Migranten. Schon vor dem Aufstieg des Islamismus trieb es den Wissenschafter in die unbequemen Debatten

Er beobachtete den Aufstieg des Islamismus, erkannte früh die Sprengkraft dieser Ideologie und wurde zu einem unermüdlichen Kämpfer für Aufklärung und Humanismus. Nun wird der Mahner und konstruktive Vordenker 80 Jahre alt.

Kacem El Ghazzali 4 min
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Bassam Tibis Kritik und sein Plädoyer für eine echte migrantische Integration sind heute aktueller denn je.

Bassam Tibis Kritik und sein Plädoyer für eine echte migrantische Integration sind heute aktueller denn je.

PD

Es gibt nur wenige Denker, die unsere Debatten um Islam, Integration und Identität so nachhaltig geprägt haben wie Bassam Tibi. Der 1944 in Damaskus geborene Politikwissenschafter wuchs in Syrien auf. 1962 kam er nach Deutschland, studierte Sozialwissenschaft, Philosophie, Geschichte und Islamwissenschaft – unter anderem bei intellektuellen Schwergewichten wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Iring Fetscher.

Mit nur 28 Jahren wurde Tibi zum Professor für Internationale Beziehungen in Göttingen berufen – der Beginn einer beeindruckenden akademischen Karriere, die ihn in den folgenden Jahrzehnten an Universitäten auf mehreren Kontinenten führen sollte, darunter Harvard, Princeton, Berkeley und Yale in den USA, aber auch nach Dakar, Yaoundé, Khartum, Jakarta, Ankara, St. Gallen, Singapur und zuletzt 2016 an die American University in Cairo.

Sprengkraft einer Ideologie

Als der junge Bassam Tibi in den 1960er Jahren seine syrische Heimat verliess, war die Welt noch eine andere. Syrien und die gesamte arabische Welt wurden von säkularen Ideologien wie dem arabischen Nationalismus und dem Nasserismus bewegt. Der politische Islam spielte damals noch keine bedeutende Rolle, der Begriff «Islamismus» war in der öffentlichen Debatte praktisch unbekannt. Doch schon bald sollte sich dies ändern.

In einer Ironie des Schicksals war es ausgerechnet im Westen, wo Tibi den Aufstieg des Islamismus hautnah miterlebte. Mit wachsender Sorge beobachtete er, wie radikale Spielarten des Islam im Zuge der Migration auch in Europa Fuss fassten und sich oft mit einem virulenten Antisemitismus verbanden. Er wies immer wieder eindringlich darauf hin, lange bevor das Phänomen ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit rückte. Tibi erkannte früh die Sprengkraft dieser Ideologie und wurde zu einem unermüdlichen Kämpfer für Aufklärung und Humanismus.

Dennoch war Tibi nie nur der mahnende Warner, sondern immer auch ein konstruktiver Vordenker. In den frühen 1990er Jahren prägte er Begriffe wie «Euro-Islam» und «Leitkultur», die intellektuelle und politische Debatten bis heute beeinflussen – selbst wenn sie oft missverstanden oder gar bewusst verzerrt werden.

So meinte Tibi mit seiner Idee einer «Leitkultur» eben gerade nicht die Rückbesinnung auf tradierte Bräuche und Gewohnheiten, sondern eine inklusive Bürgeridentität, die sich über gemeinsame Werte definiert. Eine solche Leitkultur sollte auf den Prinzipien der Aufklärung – Demokratie, Laizismus, Menschenrechte und Zivilgesellschaft – basieren und im öffentlichen Raum Vorrang vor religiösen Normen haben. Dass sein Konzept später oft auf eine Verteidigung von Brauchtum und Folklore reduziert wurde, hat Tibi selbst als Missbrauch seiner Idee scharf kritisiert.

Ähnlich republikanisch gedacht ist auch Tibis Modell eines «Euro-Islam». Für ihn bedeutet dies, dass in Europa lebende Muslime ihre Religion von der Scharia lösen und den Koran historisch-kritisch lesen müssen. Alles, was mit Demokratie und Menschenrechten nicht vereinbar sei, dürfe keine Geltung haben.

Doch die gegenwärtige Realität zeigt, dass Tibis Vision eines aufgeklärten Euro-Islam bislang nicht reüssieren konnte. Stattdessen liess sich Europa dazu verleiten, sich mit islamistischen Tendenzen zu arrangieren.

Auch Tibis Kritik und sein Plädoyer für eine echte migrantische Integration sind heute aktueller denn je. Als Deutschland 2015 in einem kollektiven Rausch der Willkommenskultur schwelgte und Flüchtlinge an Bahnhöfen mit Teddybären empfangen wurden, erwies sich der syrische Migrant als eine der wenigen mahnenden Stimmen der Vernunft. Er sprach das Problem des Antisemitismus in migrantischen Milieus an und reagierte in seinen Publikationen und Büchern skeptisch auf die Herausforderungen der Zuwanderung.

Tibi betonte, dass Integration mehr erfordere als das blosse Zurschaustellen von Fremdenliebe. Vielmehr bedarf es eines Angebots einer inklusiven Bürgeridentität des Aufnahmelandes und der Annahme dieses Angebots durch die Neuankömmlinge. Doch genau an diesem entscheidenden Punkt versage die deutsche Migrationspolitik seit langem und mit katastrophalen Konsequenzen, wie Tibi eindringlich herausarbeitet.

Der Mut, sich viele Feinde zu machen

Bassam Tibi ist ein unkonventioneller Denker. Das zeigt sich in seiner konsequenten Haltung, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen und sich nicht von politischer Korrektheit oder Gruppenzwang einschüchtern zu lassen. Seine Analysen werden oft einseitig instrumentalisiert, insbesondere von Rechten, die seine Kritik an der muslimischen Kultur und dem Islam hervorheben, während sie seine ebenso scharfe Kritik an der deutschen Politik und Gesellschaft ignorieren. Er ist der Migranten Kritiker und zugleich deren Anwalt. Tibi selbst betont jedoch, dass er als Aufklärer, Gesellschaftskritiker und liberaler Muslim nie etwas mit den Rechten zu tun hatte.

Mit über achtzehn Gastprofessuren an renommierten Universitäten weltweit hätte er sich als akademischer Superstar in einem Elfenbeinturm einrichten können, statt seine «Kritik im Handgemenge» (nach Marx) zu üben. Doch sein tiefes Verantwortungsgefühl als Citoyen gegenüber Europa, das sein Lehrer Adorno einst als «Insel der Freiheit» bezeichnete, trieb ihn stattdessen in das Minenfeld der unbequemen Debatten – ein Terrain, in dem der Mann sich viele Feinde und nur wenige Freunde macht.

In seiner Autobiografie «Von Damaskus in die deutsche Ghurba (Die Fremde)», die er als sein letztes Buch deklariert hat, resümiert Tibi sein intellektuell engagiertes Leben mit dem Song Frank Sinatras: Er zitiert den Sänger: «I did it my way / to say the things he truly feels / And not the words of one who kneels / The record shows I took the blows but I did it my way» – und er kommentiert dies damit, dass er lieber ins Gefängnis oder ins Exil gehe, als sich zu beugen, «sei es gegenüber der faschistischen Diktatur der schiitisch-alawitischen, orientalischen Despotie in meiner Heimat Syrien oder gegenüber dem totalitären Zeitgeist von Linken und Gesinnungschristen in der deutschen Ghurba. I do it my way.»

Mit Sinatras «My Way» stellt sich Bassam Tibi als ein Freigeist dar, der unbeirrbar seinen Idealen folgt und sich dabei stets treu bleibt. Das ist die Quintessenz eines Lebens für die Freiheit des Geistes und den wahren, echten Dialog der Kulturen.

Kacem El Ghazzali ist marokkanisch-schweizerischer Essayist und Menschenrechtsaktivist.

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